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Politisches

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Zehn Thesen zu einer zeitgemäßen Prüfkultur
Von Dr. Stefan Ackermann – am Beispiel Altenhilfe

I Offenheit des eigenen Handelns

Prüfen ist ein offener Prozess, er fördert die Offenlegung des Vorgehens seitens der Prüfer wie die Offenlegung der Realsituationen in den Einrichtungen. Ein solcher Prüfansatz möchte offen (vorurteilsfrei) verstehen, was und warum die geprüfte Einrichtung so handelt, wie sie handelt und dies in einem offen Dialog mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern explorieren. Gemeinsames Verständnis des Handelns der Verantwortlichen öffnet zur inneren und freiwilligen Qualitätsentwicklung.

Durch die Offenheit des Handelns können Einrichtungsprüfungen nicht mehr strategisch durch Vorbereitung bestanden werden – es wird die jeweilige Lebenssituation wahrgenommen und beurteilt wie sie ist – und nicht das Schaulaufen.
Die Offenheit des eigenen Handelns im Prüfen entspricht systemisch der Offenheit in den Kernprozessen Pflegen und Begleiten.

II Dynamische Urteilsbildung

Die Urteilsbildung ist ein dem Leben angemessener dynamischer Prozess. Durch teilnehmende Beobachtungen werden Wahrnehmungen gesammelt. Die wahrgenommenen Situationen werden hinterfragt und durch Interviews weiter erkundet. Positive oder kritische Situationen und Sachverhalte werden durch weitere „Schlüsselsituationen“ überprüft. Ebenfalls wird geprüft, ob sich die zugrundeliegende Handlungssystematik in der Dokumentation widerspiegelt. So lässt sich erkennen, ob die Einrichtung zufällig oder systematisch mit gelingenden oder kritischen Situationen umgeht. Die Bewertungen beziehen sich auf die Diskrepanz zwischen den eigenen Einrichtungszielen bzw. Gesetzes/Normforderungen und den konkret vorgefundenen Situationen der alltäglichen Durchführung.

Dies vermeidet pauschalisierendes Abarbeiten vorgefertigter Fragen, eingeschränkte Erfassungsmöglichkeiten und abstrahierendes gehaltloses quantitatives Zusammenfassen.
Eine dynamische Urteilsbildung gewährleistet ein einrichtungsspezifisch-individuelles Herangehen des Prüfers und geschieht über ein analysierendes, sich nach und nach erschließendes Verständnis der vorgefundenen Ziele, Einstellungen, Handlungsweisen und Abläufe innerhalb der Einrichtungskultur.

III Kulturwissenschaftliche Methode

Die Prüfung läuft nach kulturwissenschaftlichen Methoden ab. Kulturwissenschaftliche Methoden der qualitativen Sozialforschung sind verstehensorientiert und stellen den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Sie wollen begreifen, nachfühlen und einsehen, warum eine Einrichtung so arbeitet, wie es am Tag der Prüfung wahrgenommen und erlebt wird.

Der Einrichtung muss nicht von außen erklärt werden, was gute Pflege, gute Begleitung ist. Nicht das Anpassen an Vorgefertigtes wird belohnt, das Verantworten des Eigenen steht auf dem Prüfstand.
Die kulturwissenschaftlichen Methode fördert Individualität in zweifacher Hinsicht: Im Blick auf die Würde sowie die Interessen und Bedürfnisse der Bewohnerin und des Bewohners wie auch die Gewährleistung von Freiraum für die Entwicklung einer individuellen Einrichtungskultur.

IV Wahrnehmungsgeleitete Erschließung

Die Validität des Prüfansatzes ist gewährleistet durch eine saubere Wahrnehmung von Lebenssituationen, die auch die Bewohnerin und der Bewohner erleben. Teilnehmende Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven garantieren, dass das bewertet wird, was zu bewerten vorgegeben ist.

Vermieden wird, die Wirklichkeit in der Dokumentation, der Landkarte zu finden, welche meist nur ein mageres oder Tatsachen vorspiegelndes Abbild des realen Lebens liefert.
Ein wahrnehmungsgeleitetes Erschließen bedeutet, dass konkrete/wirkliche Lebenssituationen der Bewohnerinnen und Bewohner mit allen Sinnen herausgefunden werden. Empathie und aktives Zuhören in wechselnden Situationen fördern das Verständnis, wie die Einrichtungen zur Lebensqualität ihrer Bewohner beitragen.

V Selbstverantwortlicher Ansatz

Jeder Bürger ist als erwachsener Mensch für sich und sein Leben selbst verantwortlich. Gibt er aus Altersgründen verschiedene Aspekte seines Daseins an eine Einrichtung ab, übernimmt die Einrichtung teilweise die Verantwortung für dessen Leben (Wohnen, Pflege, Betreuung, Hygiene etc.). Ein zeitgemäßes Prüfsystem nimmt diesen Selbstverantwortungsansatz des mündigen Bürgers konsequent auf, in dem es die Verantwortung für eine qualitätvolle Prüfung der jeweiligen Prüferin bzw. dem jeweiligen Prüfer bzw. Prüfteam lässt. Denn nur ein Prüfansatz, der das Selbstbestimmungsrecht wahrt, fördert auch die Selbstbestimmung, Würde und Mitwirkung der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Damit geht es nicht um Besserwissen, Macht oder für die Einrichtung unpassende Forderungen. Ebenso wird der Förderung der Anpassungsleistung des Einzelnen in Abhängigkeit von anderen ein Riegel vorgeschoben.
Der selbstverantwortliche Ansatz gefördert den Freiraum für individuelle und verantwortungsvolle Einrichtungsentwicklung, für „Selbständigkeit“ und unterstützt eine breite und vielfältige Einrichtungslandschaft.

VI Qualitätsentwicklung

Ein zeitgemäßes Prüfsystem ist lernorientiert. Es fördert die Entwicklung der Qualität für die gemeinsame Zielgruppe von prüfender Instanz und geprüftem Träger und Anbieter: die einzelne Bewohnerin und den einzelnen Bewohner. Das Erfahrungswissen beider Parteien führt zur Gesamtentwicklung des Umgangs mit Menschen im Alter und mit Behinderung. Bewusste Prozess- und Beziehungsreflexion füllen die vorhandenen Strukturen. Konstruktives beidseitiges Feedback fördert eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung.

Das bedeutet, die Augenhöhe erwachsenen Prüfens und Spiegelns wird respektiert, der Fremdblick als bereichernd und Mut machend für individuelle Entwicklungen erlebt, Angst und unsinniger externer Druck werden entbehrlich.

Basis für Qualitätsentwicklung sind Spiegelungen der Einrichtungskultur bezüglich deren Erfüllung bzw. Diskrepanz zu selbstgesetzten, gesetzlichen oder Normativen Maßgaben.

VII Prüfung als entscheidende Situation

Sich jährlich wiederholende zeitgemäße Prüfungen haben den Charakter einer entscheidenden Situation. Als solche erweist sie sich, wenn drei Qualitätskriterien erfüllt sind: 1) das jeweils eigene Wertesystem ist offengelegt, 2) dieses lässt sich prüfen & 3) dabei entwickeln sich sowohl die (Prüf-/Umsetzungs-)Systeme, die Geprüften wie die Prüferinnen und Prüfer selbst.

Das bedeutet, auf Angst und Anpassungsverhalten vor, während und nach den Prüfungssituationen kann verzichtet werden, verstecken, inszenieren und strategisches Prüfungsbestehen verlieren ihre Bedeutung.

Werden Prüfungen als entscheidende Situationen gestaltet, tragen diese zu neuen Wahrnehmungen und Erkenntnissen bei. Die dabei möglichen Lernschritte werden als Bereicherung erlebt, um dem gemeinsamen Auftrag zu dienen.

VIII Situationen lebendiger Entwicklung

Der Prüfansatz der SocialCert erschließt sich über das Wahrnehmen lebendiger Alltagssituationen das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner. Das, was bei der Bewohnerin und dem Bewohner ankommt, ist das, worauf es ankommt. Dies ist erlebbar, erfragbar, erforschbar, erspürbar. Ebenso die Ernsthaftigkeit, mit der die in der Einrichtung Tätigen dies anbieten, betreiben und reflektieren. Das Erfahrungswissen und das offene Verstehen-Wollen der Prüferinnen und Prüfer sind die leitenden Spürnasen, um oberflächliches Drüberhuschen zu vermeiden und durch nachhaltiges Tiefergehen qualitativ hochwertige Urteilsbildung zu ermöglichen.

Das Leben findet nicht in der Dokumentation statt. Und Dokumentation ist kein Instrument der Qualitätssicherung oder Qualitätsentwicklung per se. Die Glaubwürdigkeit der erbrachten Dienstleistung seitens des Trägers oder Anbieters wird nicht dadurch gestärkt, dass sie aufgeschrieben ist. Im Gegenteil: Nachweiszwang durch penible Dokumentation erbrachter Leistungen öffnet dem strategischen Dokumentieren Tür und Tor. Sie garantiert nicht, dass die Leistung wirklich erbracht wurde.

Im Erleben tatsächlicher Lebenssituationen zeigt sich unmittelbar und real, wie die Einrichtung und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Umfeldgestaltung, Fachkompetenz und individuelle Fähigkeiten Bewohnerinnen und Bewohnern begegnen und zu deren Lebensqualität beigetragen. Die Dokumentation stellt ein wertvolles Unterstützungsmedium dar. Lebensqualität findet im Leben statt.

IX Qualitativer Ansatz

Wenn es um Qualitätsentwicklung in der Alten- und Behindertenhilfe geht, muss der Prüfansatz selbst ein qualitativer sein. Denn Prüfsysteme erzeugen mit ihrer Steuerungskraft die Systeme, mit denen sie selbst arbeiten. Deshalb muss auch die Beurteilung der Qualität in der Alten- und Behindertenhilfe ein qualitativer sein (s.o. dynamische Urteilsbildung).

Das bedeutet: Es geht nicht um Quantitäten wie Noten, die das Leben auf Abstraktes und Berechenbares reduzieren. Dem mündigen Bürger wird durch die vorgesetzte Note die Chance auf die Ausbildung seiner eigenen Urteilskraft bezüglich dessen, was er als Mensch in hohem Alter oder mit Behinderung braucht oder möchte, eher entzogen als gefördert.

Der qualitative Ansatz bedeutet, dass es die konkrete Lebensgestaltung und dessen Qualität zu erfassen gilt. Dies braucht den realen Prozess des Erschließen und Verstehens „aus konkreten/echten Situationen heraus“ und ist Basis für ein tatsächliches Verständnis der Lebenswelten in Einrichtungen. Dieser Ansatz integriert die Position der Bewohnerinnen und Bewohner und auch die Position der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. des Trägers.

X Transparenz

Transparenz über das Qualitätsniveau von Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe herzustellen ist nicht allein Aufgabe der Prüfenden. Jedoch ist es für mündige Bürger hilfreich, wenn sie ein qualitativ fundiertes Urteil in Form einer verständlichen Stellungnahme eines dafür zuständigen Fachbereichs erhalten. Dies kann jede Bürgerin und jeder Bürger als Teil ihrer oder seiner eigenen Urteilsbildung verwenden. Hier schadet auch eine überschaubare Vielzahl unterschiedlicher Einschätzungen und Erschließungsmethoden nicht. Im Gegenteil: Die Transparenz der Darstellung angebotener Leistungen und die Qualität der Prüfberichte fördern die Selbstbestimmung aller Bürger und lassen ihn in Würde entscheiden.

Quantitative Notensysteme hingegen abstrahieren von Qualitäten, nivellieren durch Vergleich nicht vergleichbarer Lebenssituationen, schließen das Erfassen von Lebens- und Beziehungsqualität aus. Ebenfalls mißachten sie unterschiedliche Entwicklungsstadien und Reifegrade in unterschiedlichen Bereichen der Einrichtungen.

Qualitative Berichterstattung sorgt durch individuelles Darstellen von tatsächlichen erlebten Situationen (einschließlich dem Erfassen von Lebens- und Beziehungsqualität) sowie das Gegenüberstellen von Sachständen in Einrichtungen für Transparenz. Dies gibt der Bürgerin und dem Bürger Orientierung, eröffnet die Möglichkeit des Vergleiches und fördert somit die Selbstbeurteilungskompetenz und Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger. Unterschiedliche Entwicklungsstadien und Reifegrade in unterschiedlichen Bereichen der Einrichtung werden beachtet.


Die Geschichte mit dem Barometer
Autor: Murray Gell-Man: Das Quark und der Jaguar, 1994, S. 381-384

Vor einiger Zeit rief mich ein Kollege an und bat mich, bei der Benotung einer Prüfungsfrage als Schiedsrichter zu fungieren. Offenbar wollte er einem Studenten null Punkte für dessen Beantwortung einer Frage in Physik geben; der Student seinerseits behauptete, er verdiene eigentlich die beste Note und würde sie auch bekommen, wenn das System nicht von vornherein gegen ihn wäre. Der Professor und der Student einigten sich darauf, den Fall einem unparteiischen Schiedsrichter vorzulegen, und die Wahl fiel auf mich…

Ich ging also ins Büro meines Kollegen und las die Prüfungsfrage. Sie lautete: ,,Zeigen Sie, wie man die Höhe eines großen Bauwerks mit Hilfe eines Barometers bestimmen kann!“ Die Antwort des Studenten sah folgendermaßen aus: ,,Nehmen Sie das Barometer, steigen Sie damit auf das Dach des Bauwerks, binden Sie das Barometer an ein langes Seil, lassen Sie es hinunter, ziehen es dann wieder hinauf und messen Sie dann die Länge des Seils. Die Länge des Seils entspricht der Höhe des Gebäudes.“

Nun, das ist eine recht interessante Antwort, aber sollte man dem Studenten dafür eine gute Note geben? Ich wies darauf hin, dass vieles dafür sprach, denn er hatte die Frage vollständig und korrekt beantwortet. Andererseits hätte die höchste Punktzahl zu einer recht hohen Einstufung des Studenten in seinem Physikkurs geführt. Das wäre einer Art Bescheinigung, dass der Student sich in Physik einigermaßen auskannte, gleichgekommen; darauf hatte seine Antwort jedoch keinerlei Rückschlüsse zugelassen. Aufgrund dieser Überlegung machte ich den Vorschlag, der Student solle einen zweiten Versuch machen, die Frage zu beantworten. Dass mein Kollege einverstanden war, überraschte mich nicht weiter; allerdings war ich sehr überrascht, als auch der Student zustimmte.

Ich gab dem Studenten sechs Minuten, um die Frage zu beantworten, machte ihn jedoch darauf aufmerksam, dass die Antwort einige Grundkenntnisse in Physik erkennen lassen sollte. Nach fünf Minuten saß er immer noch vor einem leeren Blatt Papier. Ich fragte ihn, ob er aufgeben wolle, denn ich musste mich noch um einen anderen Kurs kümmern. Er erklärte jedoch, nein, er gebe nicht auf, er wisse viele Antworten auf die Frage und überlege gerade, welche die beste sei. Ich entschuldigte mich, dass ich ihn unterbrochen hatte, und bat ihn weiterzumachen. Binnen einer Minute hatte er seine Antwort hingekritzelt. Sie lautete: „Gehen Sie mit dem Barometer auf das Dach des Gebäudes, und beugen Sie sich über das Geländer. Lassen Sie das Barometer fallen, und messen Sie die Zeit, bis es unten aufschlägt, mit der Stoppuhr.
Berechnen Sie dann mit Hilfe der Formel s=(1/2)*gt^2 (die Fallhöhe entspricht der Hälfte der Erdbeschleunigung mal dem Quadrat der Zeit) die Höhe des Gebäudes.“

An diesem Punkt fragte ich meinen Kollegen, ob er aufgeben wolle. Er willigte ein und gab dem Studenten fast die volle Punktzahl. Als ich das Büro meines Kollegen verließ, fiel mir ein, dass der Student gesagt hatte, er wüsste mehrere Antworten auf die Frage. Ich fragte ihn also danach. „O ja“, meinte er. „Es gibt viele Möglichkeiten, mit Hilfe eines Barometers die Höhe eines großen Gebäudes zu berechnen. Beispielsweise könnten Sie an einem sonnigen Tag das Barometer mit rausnehmen, messen wie hoch das Barometer und wie lang sein Schatten ist, und ebenfalls den, den das Gebäude wirft. Mittels einer einfachen Verhältnisgleichung können sie dann die Höhe des Bauwerks bestimmen.“ „Fein“, sagte ich. „Und die anderen?“

„Na ja“, erwiderte der Student, „es gibt eine sehr einfache Messung, die Ihnen gefallen wird. Sie nehmen das Barometer und steigen damit dieTreppe hinauf. Beim Hinaufsteigen verwenden Sie das Barometer als eineArt Meterstab und erhalten so die Höhe des Gebäudes in Barometereinheiten. Eine sehr direkte Methode.

Wenn Sie allerdings eine raffiniertere Methode vorziehen, dann befestigen Sie das Barometer an einer Schnur, schwingen es wie ein Pendel hin und her und bestimmen den Wert von g (Erdbeschleunigung) unten auf der Straße und oben auf dem Dach des Gebäudes. Aus der Differenz zwischen den beiden Werten für g lässt sich, zumindest im Prinzip, die Höhe des Gebäudes berechnen.

„Allerdings gibt es“, fügte er abschließend hinzu, „noch viele andere Antworten, wenn sie mich nicht auf physikalische Lösungen festlegen. Beispielsweise könnten Sie mit dem Barometer ins Erdgeschoß gehen und beim Hausverwalter klopfen. Wenn er Ihnen aufmacht, sagen Sie: „Werter Herr Verwalter, ich habe hier ein sehr schönes Barometer. Wenn Sie mir sagen, wie hoch dieses Gebäude ist, gehört es Ihnen…“

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